Liebe Elisabeth!

29.Juni 2026

Deine Frage hat mich als Physikdidaktikerin zunächst überrascht. Gerade deshalb wollte ich verstehen, wie du zu dieser Überlegung gekommen bist, und habe mich auf deiner Homepage umgesehen. Beim Lesen deines Wandertagebuchs konnte ich deinen Gedankengang Schritt für Schritt nachvollziehen.

Wie ich im Wandertagebuch vom 20.4.2025 lesen konnte, hat deine Gleichung den dimensionalen Check (Einheitenprüfung) bestanden. In der Etappe vom 29.7.2025 hast du ausführlich deinen Weg zu dieser Gleichung beschrieben. Das erklärt auch, warum du die Festlegung von h im Jahr 2019 kritisch betrachtest.

Die Unsicherheit verschwand 2019 nicht deshalb, weil man h genauer gemessen hatte, sondern weil sein Zahlenwert im Internationalen Einheitensystem (SI) per Definition exakt festgelegt wurde. Die Messunsicherheit liegt seither nicht mehr bei h, sondern bei der „praktischen Realisierung“ des Kilogramms.

Deine Frage ist jedenfalls eine legitime Fragestellung. In der Geschichte der Wissenschaft haben Perspektivenwechsel immer wieder zu neuen Fragestellungen und gelegentlich auch zu grundlegenden Veränderungen bestehender Theorien geführt. Immer wieder hat sich gezeigt, dass Größen, die zunächst als fundamental galten, später als Ausdruck tiefer liegender Zusammenhänge verstanden werden konnten. Vielleicht liegt der Wert deiner Überlegung gerade darin, den Blick einmal umzudrehen und zu fragen, ob das, was wir heute als Ausgangspunkt betrachten, selbst einer tieferen Erklärung zugänglich ist. Unabhängig davon, wohin dieser Gedankengang letztlich führt, eröffnet er einen anschaulichen Zugang zu Zusammenhängen, die in der Physik häufig sehr abstrakt dargestellt werden.

Ich kann nun jedenfalls nachvollziehen, weshalb du den exakten Definitionscharakter von h hinterfragst.

Dabei musste ich an eine Aussage von Professor Aspelmeyer denken, den ich noch aus meiner Studienzeit an der Universität Wien kenne. Anlässlich der Verleihung des Wittgenstein-Preises sagte er:

„Philosophie ist ja eigentlich die Kunst des kritischen Hinterfragens, und in der Grundlagenforschung geht es immer auch darum, existierendes Wissen infrage zu stellen.“

In diesem Sinn kann ich deiner Fragestellung aus naturphilosophischer Sicht viel abgewinnen. Ob und in welcher Weise sie auch physikalisch Bestand haben wird, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich werde diesen Gedanken jedoch auf meinem weiteren Weg in Gespräche mit Physikerinnen und Physikern sowie in naturphilosophische Diskussionen einbringen und bin gespannt, welche unterschiedlichen Sichtweisen sich daraus ergeben.

In diesem Sinne hoffe ich, deine Frage zufriedenstellend beantwortet zu haben. Ich freue mich darauf, diesen Gedankenaustausch vielleicht bei einer gemeinsamen Etappe am Elisabethsteig fortzusetzen.

Mit lieben Grüßen

Ingrid